Wolfgang Muthspiel - Rising Grace

Review Wolfgang Muthspiel - Rising Grace

Dies ist nach Driftwood das zweite Muthspiel-Album auf dem ECM-Label. Die Triobesetzung von Driftwood mit dem Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Brian Blade neben dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel erfährt auf Rising Grace mit dem Pianisten Brad Mehldau, einem der Großen seiner Zunft, und Ambrose Akinmusire, einem in der US-Szene als Rising Star gehandelten jungen Trompeter, eine Ergänzung zum Dank erweitertem Ausdrucksspektrum vielversprechenden Quintett.

Und tatsächlich löst jeder Song auf Rising Grace das Versprechen jeweils auf seine Weise überzeugend ein. Gemeinsam ist den Songs eine niemals vordergründig auftrumpfende Gangart. Vielmehr ist weitgehend ein zurückhaltender Gestus gefragt, der es erlaubt, die kompositorischen Vorgaben Muthspiels entspannt farbstark zu variieren. Hochgradig kompetentes Musizieren fern jeglicher Oberflächlichkeit ist angesagt. Jeder der fünf Musiker bringt sich mit seinem individuellen Können voll ein, achtet jedoch sorgfältig darauf, dass sein Beitrag nicht zum Selbstzweck wird, sondern harmonisch in die Aussage des Quintetts als Ganzes einfließt.

Der melodiöse, ostinat geführte Titelsong zeigt denn auch gleich, wohin die Reise geht: mitten ins Reich der Poesie. Im Song Intensive Care beschwört Muthspiel auf der akustischen Gitarre die Freuden der Poesie zunächst solistisch, bevor die restlichen Instrumente die erzählerische Vorgabe der Gitarre variierend erweitern und fortspinnen. In Father and Sun begegnet uns ein abgewandeltes Rollenspiel, in dem zunächst der Bass, tatkräftig unterstützt vom Klavier die führende Rolle Muthspiels aus Intensive Care übernimmt, dessen Gitarre schließlich die Solistenrolle erneut an sich zieht. Über allem schwebt zart Akinmusire‘s lyrischer Trompetensound.

Wolfgang‘s Waltz aus der Feder von Brad Mehldau ist der einzige Song auf diesem Album, der nicht von Wolfgang Muthspiel stammt. Offenbar auf Muthspiel bezogen, geht dieser mit seiner stahlsaitenbestückten Gitarre zu nächst in solistische Führung, um im weiteren Verlauf die führende Rolle mit der Trompete zu tauschen und um gemeinsam mit dieser aufzuspielen. Das intensive Spiel der elektrischen Gitarre auf Boogaloo definiert gewissermaßen den emotionalen Höhepunkt der poetischen Songabfolge auf Rising Grace. In ruhigeres Fahrwasser geraten wir mit dem Song Den Wheeler, Den Kenny , mit dem sich Muthspiel vor der Kunst des Trompeters Kenny Wheeler verneigt, einem Vorbild aus frühester Jugend. Ambrose Akinmusire tritt, grandios pianistisch unterstützt durch Brad Mehldau, überzeugend in die Fußstapfen des Trompetenstars. Gut, dass mit dem Song Ending Music das Ende des Albums noch nicht erreicht ist, sondern wir mit Oak gewissermaßen eine Zugabe geschenkt bekommen.

Dem Schlagzeuger Brian Blade gebührt nicht zuletzt ein Extra-Tusch für seinen stets höchstflexiblen, fantasievollen Beitrag zum Gelingen des wahrhaft poetischen Albums Rising Grace. Ebenso nicht zuletzt verdient dem ECM-Aufnahme- und Produktionsteam höchstes Lob für die akustische Meisterleistung bei der Verwirklichung von Rising Grace.

Wolfgang Muthspiel, Gitarre
Ambrose Akinmusire, Trompete
Brad Mehldau, Klavier
Larry Grenadier, Kontrabass
Brian Blade, Schlagzeug

Wolfgang Muthspiel - Rising Grace

© 2010-2019 HIGHRESAUDIO