Paul Simon – In The Blue Light

Review Paul Simon – In The Blue Light

Wir werden alle älter. Selbst ein Paul Simon, der bis heute über eine nahezu jugendlich frische, lediglich ein wenig abgedunkelte Stimme verfügt hat gerade eben seinen 76. Geburtstag gefeiert und blickt auf einen Bühnenkarriere zurück, die nahezu ununterbrochen seit mehr als sechzig Jahre andauert. Mit Preisen und Ehrungen überhäuft vergisst man gerne, dass er im Laufe seiner ungewöhnlich langen Karriere als Sänger, Gitarrist und Songwriter auch einige Tiefpunkte durchleben musste, u.a. mit dem ursprünglich zusammen mit seinem alten Partner Garfunkel aufgenommenen, jedoch nicht veröffentlichten und dann kurzfristig als Soloalbum neu eingespielten Album „Hearts and and Bones“, das im Jahr 1983 herauskam und richtig heftig floppte. Alles in allem gesehen bleibt der Eindruck eines überaus erfolgreichen Musikers, der zu den bekanntesten seiner Art gehört, und der dies ob seiner andauernden hohen sängerischen und kompositorischen Qualität auch verdient.

Jetzt hat sich Paul Simon dazu entschlossen, mit der aktuellen Tour von der Bühne Abschied zu nehmen. Das muss nicht heißen, dass von ihm keine Alben mehr zu erwarten sind. Mit seinem neuen Album In The Blue Light markiert er jedenfalls das Ende eines langen Lebensabschnitts, seiner steten Präsenz auf den Bühnen dieser Welt. Als Wegmarke hat er das Covern eigener Songs gewählt, nämlich von bis in die siebziger Jahre zurückreichenden Songs, die es ihm wert sind, in eine neue, eine deutlich dem Jazz stärker verbundene Form gegossen zu werden. Dabei hat sich Paul Simon gezielt zehn Songs herausgepickt, die beim Publikum seinerzeit keine Renner waren, und von denen er sich verspicht, dass sie es verdient haben, in neues Gewand gekleidet, eine zweite Chance zu bekommen, beim Publikum besser anzukommen.

Da wäre zum Beispiel “How the Heart Approaches What It Yearns” vom Soundtrack seines Films One-Trick-Pony, der 1980 erschien und kläglich floppte. In seinem zweiten Leben auf In The Blue Light tönt dieser ursprünglich als langer Seufzer ausgeführte Song unterstützt von der Trompete eines Wynton Marsalis in die Welt des Jazz überführt, frisch und frei, fern trister Wermut. Einer ähnlich Frischzellenkur erfreut sich auf dem neuen Album der Song “Some Folks’ Lives Roll Easy” vom einstmaligen Album Still Crazy After All These Years aus dem Jahr 1975. Naben dem Jazztrompeter Marsalis versicherte sich Paul Simon auf seinem neuen Album der Unterstützung durch das Kammermusikensemble yMusic. “Can’t Run But” vom 1990er Album The Rhythm of the Saints erhält durch die Unterstützung der Kammermusiker einen Touch Minimal Art à la Philip Glass, während “René and Georgette Magritte With Their Dog After the War” vom 1983 erschienen Album Hearts And Bones dank Klassik-Auffrischung auf In The Blue Light ihrer ursprünglich altmodisch anmutende Vocal Pop Harmonie entledigt nunmehr streicheranimiert agiert. Es gibt aber auch Oldies auf dem neuen Album, deren ursprüngliche Gestalt erhalten geblieben ist, wie im Falle des Songs “One Man’s Ceiling Is Another Man’s Floor”. Der Unterschied besteht dann lediglich in Paul Simons ein wenig dunkler gewordenen Stimme. Mag dieser Unterschied auch nicht weltbewegend sein, er bringt den Kick und ist somit offenbar Grund genug für die Neueinspielung. Auffällig ist, dass vom Album You’re The One aus dem Jahr 2000 vier Songs gecovert sind. Ob das damit zu tun hat, dass Paul Simon bei diesen einen besonders großen Handlungsbedarf für Nachbesserung gesehen hat? Und dann ist da noch der ursprünglich sozialkritisch angelegte Song “Pigs, Sheep and Wolves”, der nunmehr in einen Mardi Gras Marsch gekleidet ein wenig aus der Fassung geraten ist.

Wie immer man zum Selbst-Covering stehen mag, und Paul Simon ist beileibe nicht der einzige Musiker, der auch einmal auf dieser Welle reitet, In The Blue Light demonstriert die Klasse dieses Ausnahmemusikers, dessen Songs hier sympathisch zwischen Pop und Jazz changieren.

Paul Simon – In The Blue Light

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