Dominic Miller – Absinthe

Review Dominic Miller – Absinthe

Im Booklet zu Absinth outet sich Dominic Miller als Wahl-Provenzale: „Das erste, was mir in den Sinn kam, bevor ich irgendwelche Songs schrieb, war der Titel. Ich lebe in Südfrankreich und bin fasziniert vom Impressionismus. Scharfe, helle und fast hexenhafte Mistrals, kombiniert mit starkem Alkohol und einem intensiven Kater müssen einige dieser Künstler in den Wahnsinn getrieben haben. Der Himmel ist grün, das Gesicht ist blau, die Perspektive ist verzerrt.“ So grün wie der provenzalische Himmel funkelt auch der Absinth, die „grüne Fee“ der Provence. Die Herstellung dieser hochprozentigen Bitterspirituose wurde vor ca. hundert Jahren wegen angeblich gesundheitsschädigender Wirkung verboten. Unter anderem sollte sie übermäßig genossen zur Blindheit führen. Erst kürzlich wurde nachgewiesen, dass die schlechte Qualität des Alkohols seinerzeit für unschöne Nebenwirkungen verantwortlich war, weshalb Absinth heute nicht nur wieder getrunken wird, sondern von Dominic Miller als Titel für sein neues, zweites ECM-Album gekürt worden ist. Abgerundet wird das vom neuen Miller-Album frei Haus gelieferte provenzalische Feeling durch den Aufnahmeort, die Studios La Buissonne in Pernes-les-Fontaines, einem entzückenden Weinörtchen südlich des jährlich von der Tour de France heimgesuchten Mont Ventoux.

Mit und ohne ein Glas kühlen Absinth im Glas entführt die von der Gitarre und dem Bandoneon geprägte, sinnliche Stimmung des gleichnamigen Album seinen Hörer mitten in die afrikanisch heiße hochsommerliche Provence. Dominic Miller, der sich als Lead-Gitarrist von Sting einen Namen gemacht hat, hat für sein neues Album hochkarätige Musiker ausgewählt, die in Quintett Formation seinen Eigenkompositionen genau die satten Klangfarben angedeihen lassen und und den Rhythmus entlocken, die die sonnendurchflutete südfranzösische Atmosphäre auch in kühleren Gefilden glaubhaft entstehen lässt. Am Bandoneon sorgt Santiago Arias dafür, dass die von Dominic Müller hochartifiziell gezupfte Gitarre wie ein in Samt gehülltes verführerisch sexy auftretendes Mode Girl brillant zur Geltung kommt. Ebenfalls unter anderem für seine Zusammenarbeit mit Sting ist der Schlagzeuger Manu Katché bekannt, der auf Absinthe mitunter unter vollem Einsatz den Rhythmus vorgibt. Und noch ein Mann des Quintetts war schon bei Sting aktiv: der Bassist Nicolas Fiszman, der für das strukturierte Fundament von Absinthe verantwortlich zeichnet. Der fünfte Mann im Quintett ist Mike Lindup, der mit seinen Keyboards für die irisierende Hochsommer- Stimmung von Absinthe Sorge trägt.

Obschon die Kompositionen auf Absinthe dank ihrer schlichten Schönheit vordergründig als leichtfüßig durchgehen können, sind sie dank überaus gelungener, fantasievoller und hochprofessioneller Realisierung deutlich mehr als pure Unterhaltung, nämlich genau die Art von heiteren Musikstücken, von denen es viel zu wenige gibt, weil sie den Hörer auf Anhieb unmittelbar ansprechen und mitreißen. Auch auf dem anspruchsvollen ECM-Label sind diese Alben eher selten, finden dessen ungeachtet jedoch dank seinem für alle Farben des Jazz offenen Mastermind Manfred Eicher hin und wieder statt.

Dominic Miller, Gitarre
Manu Katché, Schlagzeug
Nicolas Fiszman, Bass
Mike Lindup, Keyboards
Santiago Arias, Bandoneon

Dominic Miller – Absinthe

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